Zu Beginn eine kurze geschichtliche Vorstellung des Kriegsgefangenenlagers Oflag VIb

Das Oflag während des Krieges

Ursprünglich sollte 1939 durch die deutsche Wehrmacht südwestlich von Dössel ein Militärflugplatz entstehen. Durch den Kriegsverlauf entschied man sich jedoch 1940 dazu, die bereits aufgestellten Arbeiterbaracken als Kriegsgefangenenlager für Offiziere zu verwenden. Zunächst wurde das neu errichtete Lager Oflag VIb in den Jahren 1940 bis 1942 mit französischen, später dann auch mit britischen Kriegsgefangenen belegt.

Blick auf das Kriegsgefangenenlager Oflag 6b in Dössel
Blick auf das Kriegsgefangenenlager Oflag VIb von Osten aus. Im Hintergrund ist der Wasserturm von Hohenwepel zu sehen.

Kulturelle Entwicklung im Oflag VIb

Da während des Krieges gefangen genommene Offiziere gemäß der Genfer Konvention nicht für Zwangsarbeiten eingesetzt werden durften, entwickelte sich in der Warburger Börde hinter Stacheldraht ein Kulturleben, das stark im Gegensatz zum eigentlichen Dorfleben in Dössel stand. Ein Großteil der Offiziere war gebildet und bestand u.a. aus Akademikern und Künstlern. Während die Dösseler Bauern ihrem, sofern dieses kriegsbedingt möglich war, “normalen” Leben nachgingen, entstand nur wenige hundert Meter entfernt eine Lageruniversität, ein Sinfonieorchester, ein Kammerorchester, ein Chor und ein Theater. Ich stelle mir immer vor, wie die Dösseler Bauern auf den Feldern beim Kriegsgefangenenlager Oflag VIb Rüben gehackt haben und der Westwind dabei Klänge von Eward Griegs “Peer Gynt” herüber geweht hat. Es gab jedoch nicht nur künstlerische Akzente im Lager. Auch religiöse und sportliche Veranstaltungen, wie z. B. christliche Feiertage und Sporttuniere wurden begangen bzw. durchgeführt.

Appell im Kriegsgefangenenlager Oflag 6b
Militärappell im Dösseler Lager
Täglicher Gefangenenappell im Kriegsgefangenenlager Oflag 6b
Täglich stattfindender Gefangenenappell

Ab 1942 waren in erster Linie polnische Kriegsgefangene in Dössel interniert. So waren bis zu 2.296 Offiziere und 287 Unteroffiziere im Lager untergebracht. Ferner waren sowjetische Zwangsarbeiter im westlichen Außenbereich des Lagers eingesperrt, die tagsüber im Warburger Umland zu Zwangsarbeit herangezogen wurden.

Fluchtversuche

Es gab verschiedene Fluchtversuche aus dem Lager. Der erste wurde am 20. September 1943 unternommen. Zehn polnische Gefangene konnten durch einen Tunnel fliehen. 37 weitere Fluchtwillige, sowie zwei Helfer wurden verhaftet und im KZ Buchenwald hingerichtet. Zwei weitere Fluchtversuche gab es im Dezember 1943. Den beiden Flüchtlingen Jozef Dubciak und Leutnant Boleslaw Sobolewski gelang diese Flucht nicht, weshalb sie später hingerichtet wurden.

Zerstörung des Lagers durch einen britischen Bombenabwurf

Der größte Schicksalsschlag für das Dösseler Kriegsgefangenenlager war die irrtümliche Bombardierung des Lagers durch britische Flieger. Am 27. September 1944 hatten diese den Auftrag, den Eisenbahnknotenpunkt Nörde zu bombardieren. Aufgrund eines Navigationsfehlers wurden die Bomben jedoch über dem Dösseler Lager auf die schlafenden Offiziere abgeworfen. 90 Gefangene wurden bei dieser sinnlosen Aktion getötet und später auf dem Dösseler Friedhof beigesetzt. Dieser tiefe moralische Einschnitt in das Lagerleben sowie die in den letzten Kriegsmonaten katastrophale Verschlechterung der Versorgung der Gefangenen machten die Haftbedingungen in den letzten Monaten für Gefangenen nahezu unerträglich.

Befreiung Ostern 1945 durch amerikanische Truppen

Auch nach der Befreiung war das Lager viele Monate belegt. Nun waren die Lagertore jedoch nicht mehr verschlossen. Befreite Zwangsarbeiter fanden in dieser Zeit auch eine Unterbringung im ehemaligen Kriegsgefangenenlager, bis im Jahr 1948 die meisten der erbärmlichen Baracken abgerissen wurden. Aus den Steinen der Lagergebäude bauten die Dösseler Bürger ihre Bördehalle. Für Aufräumarbeiten des Lagers wurden u.a. Jugendliche aus Hohenwepel herangezogen, wie z. B. mein Vater Erhard Störmer, für den diese Arbeiten in jungen Jahren eine extreme mentale Belastung darstellten. Die Verwaltungsgebäude des Lagers und die Baracken in diesem Bereich wurden jedoch nicht abgerissen und stehen noch heute.

Lagernutzung nach dem 2. Weltkrieg

Als die ersten Ostflüchtlinge unsere Region erreichten, konnten die verbliebenden Baracken als Notunterkunft für diese Menschen genutzt werden. Später zogen belgische Soldaten und im Anschluss die Bundeswehr in das Lager ein und nutzten dieses als Kaserne. Das Lager bekam den Namen “Börde-Kaserne”und diente u. a. der Ausbildung von Militärkraftfahrern der 2. Panzergrenadierdivision (AusbKp StDst/MKF 2/2).

Die Nutzung als Lager reißt nicht ab, da es mittlerweile wieder als Notunterkunft für Asylbewerber genutzt wird.

Das ehemalige Kriegsgefangenenlager Oflag VIb hat eine bewegte Geschichte, die wohl noch lange nicht zu Ende erzählt ist.


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